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About ECM

Wenn ich so von einem Komponisten aufgesogen werde, wie es bei Beethoven der Fall war, dann beginne ich zu fühlen wie er, körperlich wie geistig. Beethoven hat mich als Person verändert…Es gibt Komponisten, die bereichern und erheben – Beethoven ist das beste Beispiel. Als Künstler und als Person verströmt er so viel Großzügigkeit, mir als Interpret öffnet er viele Wahlmöglichkeiten.
András Schiff in The Guardian, September 2008

Drei Jahre nach Veröffentlichung des ersten Bandes liegt András Schiffs viel beachteter Beethoven-Zyklus nun komplett vor. Welche Aufgaben sich der Pianist bei diesem Unterfangen gestellt hat, erläutert er in seinem Schlusswort zur achten Veröffentlichung: „Wie Restauratoren, so müssen auch wir Interpreten die Krusten der Konventionen wegkratzen, den Staub und Schmutz lösen, um das Werk in all seiner ursprünglichen Frische wiederherzustellen.“ Erst jetzt wird vollends klar, warum er bis zum Erreichen des fünften Lebensjahrzehnts wartete, ehe er sich dieses „Neue Testament der Klaviermusik“ (Hans von Bülow), das ihn schon seit Jugendtagen beschäftigt hatte, endlich im Ganzen vornahm. Die Ehrfurcht des gefeierten Bach- Haydn- Mozart- und Schubertinterpreten vor Werken wie Beethovens beiden letzten Sonaten betraf zunächst Aspekte des Klangs: „Der Beethovensche Klavierklang ist ungeheuer komplex; dabei geht es weniger um Lautstärke, als um die innere Intensität und Kraft, und diese Qualitäten sind auch eine Frage der Reife. Ein ‚Piano’ bei Beethoven ist dichter, voller als eines bei Mozart oder Schubert. Warum finden alle Pianisten den Anfang des vierten Klavierkonzerts so problematisch? Ein vermeintlich einfacher G-Dur-Dreiklang, gewiss, doch seine acht Stimmen wollen mit größter Finesse gewichtet werden. Das eben ist die Kunst – in diesem Zusammenhang habe ich von dem großen Anzug gesprochen, in den ich erst vollständig hineinwachsen wollte.“

Als Beethoven-Interpret strebte Schiff nicht weniger an, als eine zeitgenössische Synthese dessen, was die Musik aus heutiger Sicht transportiert: Einerseits galt es, die skrupulöse Neu-Lektüre der Notentexte mit dem Reflexionsniveau der großen Interpreten der Vergangenheit zu verbinden. Als Kenner historischer Tasteninstrumente, der sich immer auch mit neuen aufführungspraktischen Erkenntnissen beschäftigt, wollte er andererseits aber nicht auf subjektiv deutende Freiheit verzichten. Von hier aus erklärt sich das Konzept dieses Zyklus’: In chronologischer Reihenfolge, um den kompositorischen Prozess innerhalb der 32 Sonaten nachvollziehbar zu machen – schließlich sind sie, entstanden zwischen 1795 und 1822, neben den Quartetten, das zentrale stilistische Erprobungsmedium Beethovens. Drei verschiedene Flügel – zwei Bösendorfer und einen Steinway –, um der Vielfalt der Tonfälle des Komponisten näher zu kommen. Schließlich mindestens 15 Konzertaufführungen vor der Aufnahme, um dann, live in der Tonhalle Zürich, abgeklärte Überlegenheit jeweils mit dem Risiko des „Hier und Jetzt“ befeuern zu können.

Die beiden letzten Alben mit den Opera 90, 101, 106, 109, 110 und 111 bringen nun das komplette späte Sonatenschaffen Beethovens und öffnen so den vollständigen Überblick über Schiffs Lesart – „hier ist erst der Schlüssel zu allem“, ließe sich in Analogie zu Goethes erst in Sizilien sich klärendes Italienbild sagen. Ein Höhepunkt eines jeden Zyklus’ ist die 45-minütige „Hammerklaviersonate”. Mit Blick auf die schnellen Metronomangaben bezeichnet sie Schiff als das „wahrscheinlich schwierigste Werk des Klavierrepertoires“, und zwar „technisch, strukturell, atmosphärisch, metaphysisch.“ Rezensenten in England, der Schweiz und Deutschland rühmten nach den Konzerten im Mai 2006 erneut die strukturelle Klarheit des Pianisten, gepaart mit einem ganz persönlichen Zugang zu den musikalischen Charakteren und überlegener pianistischer Kontrolle. Auch der Abschluss der ersten Zyklen in Europa Ende 2006 fand breites Echo in der Presse. „Die drei Sonaten klangen wie reinste Spätstilessenz, überirdisch, wie aus kostbarem Marmor gewonnen“, schrieb Julia Spinola in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, während Peter Hagmann aus Zürich berichtete: „Auch dort, wo die Musik von den letzten Dingen zu sprechen anhebt, bleibt er (Schiff) als Interpret den Gesetzen von Maß und Form verpflichtet. Das verkleinert nichts, im Gegenteil, es lässt die gedankliche und emotionale Tiefe dieser Kunstwerke nur umso deutlicher heraustreten.“

Ohne Scheu ist der Meister bei seinem letzten Programm vom Prinzip der Live-Aufnahme abgewichen. Beethovens Musik, so Schiff, brauche „die großen Momente, spontane Augenblicke, welche sich nur live ergeben – wenn wir Glück haben. Und wenn das Konzert nicht gelingt? Dann muss man das Ergebnis nicht veröffentlichen. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, die letzten drei Sonaten einige Monate nach der Zürcher Aufführung im leeren Saal des Neumarkter Reitstadels noch einmal einzuspielen. Alle anderen Sonaten-Aufnahmen entstanden bei den Matineen in Zürich, mit kleineren Korrekturen aus den Generalproben. Was wir anstrebten, waren ‚gültige’ Interpretationen der Werke, weswegen wir auf den (bei Aufnahmen immer irgendwie störenden) Beifall bewusst verzichtet haben.“

Bis Sommer 2009 werden die Beethoven-Sonaten regelmäßig auf Schiffs Konzertprogrammen stehen. Eines seiner kommenden Großprojekte soll die Beschäftigung mit der Klaviermusik von Claude Debussy sein, hat er soeben im „Guardian“ angekündigt. Derweil ist die nächste ECM-Veröffentlichung in Vorbereitung: Die Neuaufnahme der sechs Partiten von Johann Sebastian Bach, live aus dem Neumarkter Reitstadel, soll Anfang 2009 erscheinen.

Sämtliche Ausgaben in einheitlichem Coverdesign unter Verwendung der Cartographic Images von Jan Jedlička. Ausführliche Gespräche zwischen András Schiff und Martin Meyer zu den Werken und ihrer Interpretation. Mit Faksimiles von Beethovens Handschriften.

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