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Seit er vor beinahe zwanzig Jahren nach Europa kam um sich mit Renaissance-Musik auseinanderzusetzen und sich in die aufführungspraktischen Traktate der Epoche zu vertiefen, hatte der argentinische Gitarrist Pablo Márquez den Wunsch, einmal eine größere Auswahl von Stücken aus den „Seys libros del Delphín“ aufzunehmen. „Die Leidenschaft für Luys de Narváez hat mich während meiner künstlerischen Entwicklung begleitetet. Immer wieder aufs Neue war ich von der mystischen Qualität und kristallenen Klarheit seiner Sprache berührt“, schreibt Márquez in seiner Performer’s Note zur vorliegenden CD. Der heute 40-Jährige ist nicht nur einer der herausragenden Gitarristen seiner Generation, er verfügt auch über eine ungewöhnliche Bandbreite stilistischer Möglichkeiten zwischen Neuer Musik und den Idiomen seiner argentinischen Heimat, die er mit seinem Mentor Dino Saluzzi eingehend studiert hat.

Wie viele historisch informierte Interpreten der Gegenwart weiß Márquez, dass „authentische“ Instrumente oder deren Kopien keine Garantie liefern für eine stilistisch angemessene Widergabe. „Ziel dieser Aufnahme ist es zu zeigen, dass man diese Renaissance-Musik überzeugend spielen kann, auch wenn man nicht auf die original vorgesehene Vihuela zurückgreift. Es gibt da ja eine lange Interpretationstradition, insbesondere im Falle der bekannteren Stücke der Sammlung wie etwa „Mille Regretz“. Meistens wurden die Tempi jedoch so langsam gewählt, dass die Verzierungen ein übertriebenes Gewicht bekamen und kaum mehr von der eigentlichen Linie zu unterscheiden waren. Insofern kommt es darauf an, die Grammatik dieser Kompositionen zu verstehen, die viele Parallelen zu jener der Vokalpolyphonie der gleichen Zeit aufweist. Die Herausforderung für uns heutige Interpreten besteht darin, einen natürlichen Fluss herzustellen und die Mehrstimmigkeit klar zu zeichnen. Ein weiterer Aspekt ist die Verzierungspraxis, denn natürlich muss man mindestens so viele Dinge hinzufügen wie in der Barockmusik. Jedes zusätzliche Zeichen bedeutete bei der Herstellung der Tabulaturen einen gesteigerten Aufwand, das kostete Zeit und Geld. Deshalb sparte man damals an Zeichen, wo immer es möglich war. “

Luys de Narváez ist 50 Jahre jünger als Josquin und etwa gleichaltrig mit Nicolas Gombert; auf beide Meister bezieht er sich in einzelnen Nummern der „Seys Libros“. Um 1500 in Granada geboren, diente er dem Kommandanten von León als Musiker, bevor er in den Dienst des späteren Königs Philips II wechselte, den er auf ausgedehnten Reisen durch Flandern und Italien begleiten sollte. Als herausragender Improvisator auf der Vihuela – einem Vorgängerinstrument der modernen Gitarre – war er berühmt für komplizierte polyphone Sätze, die er aus dem Stegreif zu extemporieren verstand. In seinen „Seys Libros“, seinem Hauptwerk, das bald in mehreren europäischen Städten nachgedruckt wurde, versammelte Narváez Fantasien, Sätze von Vokalsätzen, Musik für Stimme und Vihuela und zwei Gruppen von „Diferencias“, die als die ersten gedruckten Variationswerke der europäischen Musikgeschichte gelten. „Am wichtigsten war es mir, die fein ausgearbeiteten Fantasien in den acht verschiedenen Modi aus dem ersten Buch komplett vorzustellen“, sagt Márquez. Gerade weil diese Stücke nie einen festen Platz im Gitarrenrepertoire hatten, wollte ich gerne zeigen, wie wertvoll und lohnend sie sein können, wenn man stilistisch den richtigen Zugang findet.“

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Pablo Márquez wurde 1967 im Nordwesten Argentiniens geboren und studierte Gitarre bei Jorge Martinez Zaráte und Eduardo Fernández bevor er nach Europa kam und sich unter Anleitung von Javier Hinojosa mit Alter Musik zu beschäftigen begann. Nach frühen Erfolgen in mehreren Wettbewerben (Radio France, Villa-Lobos-Wettbewerb in Brasilien, Genf und München) begann Márquez seine Karriere als freischaffender Solist, die ihn mit einer Reihe bemerkenswerter Musiker zusammen brachte. Wichtige Anregungen für seine weitere Entwicklung erhielt Márquez von dem Pianisten György Sebök und dem Bandoneon-Virtuosen Dino Saluzzi. „Was ich von Dino lernte, beschränkte sich nicht auf die musikalische Sprache meiner Heimat, es war vielmehr eine Ahnung von absoluter künstlerischer Integrität und das Wissen darum, dass es in der Musik nichts Mechanisches gibt, weil jede einzelne Note ihren Sinn und ihre Bedeutung hat.“ Zu Márquez’ musikalischen Partnern zählen neben Saluzzi und seiner Familien-Band die Cellistin Anja Lechner, mit der er seit 2005 Duo spielt, das Rosamunde Quartett und das Ensemble Alma Viva, das sich auf die zeitgenössische Musik Südamerikas spezialisiert hat. Márquez ist regelmäßiger Gastsolist des Ensembles Intercontemporain und hat eng mit Komponisten wie Luciano Berio, György Kurtág und Maurizio Kagel zusammengearbeitet. Márquez unterrichtet an der Musik-Akademie Basel und lebt in Strasbourg.

pablomarquez.free.fr

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