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About ECM

ECM-Debüt für zwei außergewöhnlich vielseitige und temperamentvolle junge Solisten, die seit vier Jahren als Duo zusammenspielen: Carolin Widmanns Ruf als überlegene Interpretin zeitgenössischer Musik ist seit längerem unangefochten. Ihre erste CD mit unbegleiteten Solowerken von Eugène Ysaÿe bis Salvatore Sciarrino wurde enthusiastisch rezensiert und 2006 mit einem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Komponisten wie Matthias Pintscher, Erkki-Sven Tüür oder Jörg Widmann schreiben Werke für die gebürtige Münchnerin, fünf Violinkonzerte bringt sie allein im Sommer 2008 zur Uraufführung, darunter – am 11. September unter Riccardo Chailly in Leipzig und einige Tage später beim Lucerne Festival – auch ein neues Konzert von Wolfgang Rihm.

Nicht minder wichtig als die Moderne sind der Geigerin indes die Auseinandersetzung mit dem Repertoire vom Barock bis zur Romantik zum einen, zum anderen die erhellende Gegenüberstellung geistesverwandter Komponisten aus unterschiedlichen Epochen. Zusammen mit dem Ungarn Dénes Várjon, der in Budapest von Meistern wie Ferenc Rados, György Kurtág und András Schiff geprägt wurde – seine Karriere begann nach einem sensationellen ersten Preis beim Concours Géza Anda in Zürich im Jahre 1991 – hat sie sich immer wieder mit Robert Schumann auseinandergesetzt. Insbesondere mit den drei Violinsonaten aus dessen letzten Lebensjahren, interpretatorisch höchst anspruchsvollen Werken, in denen sich die schwierige psychische Situation des Komponisten mitunter deutlich niederschlägt.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass wichtige Züge dieser Sonaten, vor allem die der dritten, die jahrzehntelang so gut wie unbekannt war und erst seit kurzem in einer verlässlichen Ausgabe vorliegt, bisher kaum herausgearbeitet wurden. Wir wollten hier etwas zum Verständnis beitragen, also deutlich machen, wie phantastisch, wie verrückt und modern diese Stücke sind. Schumann ist schon lange einer meiner Lieblingskomponisten, alles, was ich von ihm kenne, packt und berührt mich. Dénes teilt diese Passion, und er hat die mentale Haltung der Stücke genau begriffen“, sagt Widmann, die seit Oktober 2006 in Leipzig eine Professur für Violine innehat und Schumann Wirkungsstätten damit auch räumlich nahe gerückt ist.

Die Aufnahmetage im Radioauditorium in Lugano, in dem in den letzten Jahren auch einige wichtige Jazz-Aufnahmen für ECM entstanden, bezeichnet Carolin Widmann im Rückblick als einen Glücksfall: „Saal, Klavier, das Vertrauen zu den musikalischen Partnern vor und hinter dem Mikrophon – wenn das alles stimmt, kann man auf eine Weise spielen, wie man das selbst nicht für möglich hielte“, sagt die Geigerin. Gemeint ist damit weniger der Grad der erreichten handwerklichen Perfektion, als vielmehr die Risikobereitschaft in der Gestaltung der enorm fordernden Partituren: „Dénes war es, der immer noch einen Schritt weitergehen wollte, der sagte, nein, Moment, dies hier klingt doch alles noch zu normal, wir können uns gegenseitig noch mehr überraschen! In diesen Sonaten findet sich eine solche Vielfalt der Charaktere, jeder Ton hat eine andere Farbe, jeder Takt einen neuen Puls. Vielleicht ist Schumann tatsächlich der Komponist, bei dem die schwarzen Punkte auf weißem Papier am wenigsten dem entsprechen, was eigentlich gesagt werden soll. Kein Dreivierteltakt kann aussagen, was da in Agogik drin ist, und insofern war es auch mein Ziel, dass man überhaupt keine Taktstriche mehr hört, sondern eher an eine dreidimensionale Notation denkt. Auch in dieser Hinsicht ist Dénes mit seiner unglaublichen metrischen Agilität für mich ein idealer Duopartner. Bei vielen Schumann-Interpretationen vermisse ich dieses An-die-Grenze-gehen, dieses: Was bedeutet das?“

Teil dieses Fragens und Schürfens ist die Arbeit an ganz spezifischen Klangnuancen und Timbres, die genau auf den jeweiligen Ausdruck bezogen sind. „Ich finde es immens schade, wenn wir Geiger uns immer auf eine Farbe beschränken, deshalb suche ich das Düstere, aber auch das Scharfe. Deshalb benutze ich gerne leere Saiten, weil das manchmal so schmerzhaft ist: Es tut eben noch viel mehr weh, wenn da eine leere E-Saite hineinfährt, als wenn man das abdämpft: A-Saite, dritte Lage, zweiter Finger, das nimmt die Tragik weg.“

Die ungewöhnliche Reihenfolge der Stücke auf der vorliegenden Aufnahme ergab sich als Resultat längerer Versuche und Überlegungen. „Noch aus heutiger Sicht ist es letztlich nachvollziehbar, dass Clara Schumann die dritte Sonate genau wie einige andere Spätwerke ihres Mannes so lange zurückhielt. Ich kann verstehen, dass sie das Gefühl hatte, hier entblößt sich ein schon kranker Mann, dessen Ruf geschützt werden muss. Auch ich spüre im Fortgang dieses dreiteiligen Zyklus’ einen emotionalen Verfall, deshalb wollten wir die Platte nicht gerne mit der chronologisch letzten Sonate abschließen. Wir hatten zwischendurch sogar erwogen, mit der zweiten anzufangen, die dritte anzuschließen und die erste an den Schluss zu setzen. Aber auf diese Weise hätte man noch viel stärker gespürt, wie sehr Schumann im Laufe dieser wenigen Jahre hinabgezogen wurde.“ Was nicht als qualitative Wertung zu verstehen ist: Nach eingehendem Studium gerade dieser besonders zerklüfteten dritten Sonate teilt Widmann nicht die Meinung, hier handele es sich um einen in seiner Kreativität erloschenen, nicht mehr vollgültigen Schumann. „Man muss sich dem Widerstreit der Kräfte stellen, diesen Wechseln aus etwas verkrampftem Klassizismus und völliger Entfesselung. Man muss das Springen-Wollen-aber-nicht-Können als ästhetische Qualität freilegen. Unbequemlichkeit ist zentral beim späten Schumann, das erklärt auch die gewundene Rezeptionsgeschichte dieser Stücke. Aber schließlich öffnet sich eine ganz einzigartige Welt. In einer solchen Welt findet sich immer auch ein instrumental gangbarer Weg.“

Ausführliche Biographien und einführender Essay von Martin Meyer im Begleitheft der CD

Nützliche Links

www.carolinwidmann.com
www.impresariat-simmenauer.de
www.cadenza-concert.at/sites/kuenstlerneu/varjon.htm

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