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About ECM

„Snow“ nennt der seit vielen Jahren in Spanien lebende Stephan Micus sein 18. Album für ECM. Es ist die Frucht kontinuierlicher Arbeit auf Reisen und im Studio seit Erscheinen von „On the Wing” im Frühherbst 2006. „Schnee ist für mich eine der schönsten Naturerscheinungen überhaupt und eng verbunden mit bleibenden Naturstimmungen meiner bayerischen Heimat, vor allem mit langen Wanderungen im Mondlicht, in den Jahren als ich noch im Alpenvorland lebte. Ich habe Schnee immer als den Inbegriff von Verzauberung empfunden, und das gilt heute eigentlich noch mehr, wo es nur noch so wenig Schnee gibt und die Gletscher schwinden”, sagt Micus, dessen Musik stets auch aus Natur- und Landschaftseindrücken schöpft. Die Anregungen zum neuen Album ergaben sich zu einem guten Teil aus einer längeren Studienreise nach Armenien und Berg-Karabach und in die Berge des Kaukasus. Micus durchstreifte die unwegsamen und extrem einsamen Gebiete teilweise per Jeep, teilweise auch auf ausgedehnten Touren zu Fuß. Er traf Menschen unterschiedlichster Milieus und lernte ihre Lebensumstände und ihre Musiktraditionen näher kennen.

Wie immer reiste er jedoch mit dem konkreten Ziel, neue instrumentale oder vokale Techniken bei traditionellen Meistern zu erlernen. Im Herbst 2006 hielt sich Micus zum zweiten Mal für längere Zeit in der armenischen Hauptstadt Eriwan auf, um intensiven Duduk-Unterricht zu nehmen. Das armenische Doppelrohrblattinstrument aus Aprikosenholz, dessen Existenz schon in vorchristlicher Zeit belegt ist und das heute auf der UNESCO-Liste der Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit steht, spielte schon auf dem Album „Towards the Wind” (ECM 1804; erschienen 2002) eine wichtige Rolle. „Snow” stellt es nun quasi als Hauptakteur des musikalischen Geschehens in den Mittelpunkt und lässt es in bisher ungehörten Konstellationen mit Instrumenten aus Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika und Europa auftreten, unter anderem in einem besonders ausdrucksvollen Duo mit der bayerischen Zither.

Auch auf „Snow“ setzt Micus die verwendeten Klangerzeuger aus aller Welt in unorthodoxen Kontexten ein, er verändert sie überdies aber auch technisch und benutzt modifizierte Weiterentwicklungen, die er bei Instrumentenbauern vor Ort bestellt hat. So wird etwa das traditionelle Bordun- und Begleitinstrument Bass-Duduk mit weit ausgreifenden Melodielinien betraut, und zugleich spielt Micus eine vergrößerte Version, deren Tonumfang tiefer reicht und die noch einen dunkleren Klang hervorbringt. „Ich habe immer die Neigung zu möglichst großen und tiefen Instrumenten, und jedes Mal, wenn ich irgendwo in der Welt eine dieser Sonderanfertigungen bestelle, zeigen die Meister in den Werkstätten ihre Skepsis. Doch meist folgt dieser Skepsis wachsende Begeisterung, sobald das neue Instrument klingt und seine erweiterten Möglichkeiten zu erkennen gibt“, sagt Micus.

„Ich empfinde eine starke Verbundenheit mit den Klängen dieser traditionsreichen Instrumente. Für mich stehen sie irgendwo an der Grenze zwischen Gegenstand und Lebewesen, zwischen Objekt und Person, und manchmal denke ich, dass sie tatsächlich zu den beseelten Wesen zählen. Man muss zu hören versuchen, was sie selbst erzählen wollen, daraus entsteht fast zwangsläufig eine Verbindung mit ihrer traditionellen Klangsprache. Dabei ist es mir sehr wichtig, dass ich keine bereits existierenden Melodien übernehme oder auch nur Fragmente davon, sondern eine ganz eigene Sprache entwickle.“ Mitunter kommt es auch zu einer ganz bewussten Verfremdung des herkömmlichen Charakters der Instrumente. Auf „Snow“ wird dies deutlich hörbar am sehr freien Umgang mit der bayerischen Zither, die das große Duduk-Solo von „Midnight Sea“ begleitet.

Während sie auf dem Vorgängeralbum „On the Wing“ komplett ausgespart war, spielt Micus’ – mitunter zum mächtigen Chor vervielfachte – Gesangsstimme nun wieder eine zentrale Rolle. Vier Mal reiste der Musiker in den vergangenen zwölf Jahren nach Georgien, um dort die Kunst des traditionellen Chorgesangs zu erlernen. Zusammen mit zwei Lehrern erforschte er die polyphonen, meist dreistimmigen Gesänge des Landes zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer. Weitere Anregungen erhielt Micus bei einem Studienaufenthalt in Bulgarien, dessen berühmte Frauenchöre er seit langem bewundert.

Auf „Snow“ ist darüber hinaus erstmals ein südamerikanisches Instrument vertreten, die Charango, ein Ukulele-artiges Zupfinstrument aus Peru, dem Micus zwei je knapp fünfminütige Soli widmet. Ägypten, Armenien, Burma, China, Deutschland, Gambia, Mali, Peru, Tibet und die USA: die Liste der Herkunftsländer der hier zum Einsatz kommenden Instrumente macht deutlich, dass die imaginäre Weltmusik, wie sie der 1953 geborene Micus seit nunmehr 35 Jahren pflegt, in dieser Form nur in der Gegenwart möglich ist. „Während ich vor 50 Jahren noch nicht in dem Maße hätte reisen können, würde ich vieler der Instrumente in weiteren 50 Jahren möglicherweise gar nicht mehr vorfinden, da viele musikalische Traditionen zu verschwinden drohen“, sagt Micus.

Ganz unmittelbar der Gegenwart verpflichtet ist daneben vor allem die Arbeitsweise des Musikers, der jedes Instrument selbst spielt und jede Gesangsstimme selbst singt. Die „Partitur“ addiert sich schließlich aus einer Vielzahl nacheinander aufgenommener Spuren, die Micus in seinem Studio montiert. „Ich halte meine Musik nicht in Notenschrift fest, sondern arbeite von Anfang an mit Aufnahmegeräten. Dabei improvisiere ich so lange auf einem Instrument, bis ich auf eine Phrase stoße, die mir interessant erscheint. Aus solchen Keimzellen entstehen dann Entwicklungen und Ausarbeitungen. Durch die Präsenz der Aufnahmegeräte habe ich jederzeit einen Spiegel meiner Arbeit, auch nach einer längeren Pause. Das Liegenlassen und spätere Wiederanhören ist für mich ein ganz wichtiger Prozess. Dazu gehört auch das Experimentieren mit Verknüpfungen und unterschiedlichen Zusammenstellungen. Das kostet Zeit, denn die Musik muss organisch wachsen.“

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