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Gute Einfälle melden sich selten an. Manchmal sind sie ganz plötzlich da, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Schwer zu sagen im Nachhinein, was zuerst war – der flüchtige Blick nachmittags aus dem Fenster, hinunter in den Berliner Hinterhof, wo der kleine Lenny spielte. Die Wehmut, dass der gerade noch so junge Sommer eigentlich schon wieder vorbei ist. Oder dieses Hell-Dunkel zwischen zwei verwandten Akkorden, ein Pendeln von so stoischer Regelmäßigkeit, als werde damit die verrinnende Zeit gemessen. Beinahe lapidar fasst Julia Hülsmann die heitere Trauer des Spätsommers in Töne – und bereitet solcherart den Boden für ein traumwandlerisches Interplay mit Bassist Marc Muellbauer und Schlagzeuger Heinrich Koebberling.

„The End of a Summer“ heißt das Titelstück der neuen CD des Julia Hülsmann-Trios; es ist ein gutes Beispiel für den liedhaft reduzierten Stil der Gruppe, die in der Zusammenarbeit mit Rebekka Bakken und Roger Cicero zu einer der populärsten Jazz-Formationen in Deutschland geworden ist. Die poetische Leichtigkeit von Hülsmanns Lyrik-Vertonungen erscheint auf „The End of a Summer“ ins Instrumentale zurückgenommen – oder vielmehr kondensiert: Schließlich teilt sich Atmosphärisches in den durchsichtigen Texturen dieser „Lieder ohne Worte“ umso intensiver mit. Als reines Trio sind die Drei bisher noch wenig hervorgetreten. Einige Jahre lang haben sie ihr Repertoire gesammelt und gesiebt, geschliffen und poliert, um jetzt ein Statement abzugeben, das ihnen auch international einige Aufmerksamkeit sichern sollte. Sechs prägnanten Stücken von Hülsmann stehen auf dem neuen Album nicht weniger eigenwillige Kompositionen ihrer beiden Kollegen gegenüber, dazu eine raffinierte Cover-Version von Seals „Kiss from a Rose“. Gemeinsam ist ihnen der Verzicht auf alles Ornamentale, vordergründig Virtuose. Mitunter grüßt von Ferne die Lakonik Carla Bleys.

1997 in Berlin gegründet, brachte das Trio 2000 ein (vergriffenes) Debütalbum bei einem Kleinstlabel heraus. Seit 2002 spielt es in unveränderter Besetzung. „Dass jeder Abend unterschiedlich abläuft, ist im Jazz nichts Außergewöhnliches, aber mit Julia und Marc ist jeder Gig wirklich komplett anders“, sagt Heinrich Koebberling, und Marc Muellbauer ergänzt: „Unsere Musik wächst aus dem Spielen heraus, weniger aus einem geschlossenen Konzept. Dabei hat sich im Laufe der Zeit eine Sprache entwickelt, die uns viel Freiheit gibt und unseren Temperamenten genau entspricht.“ Unabhängig voneinander fanden die drei über Vorbilder wie Bill Evans, Keith Jarrett, Ahmad Jamal oder Kenny Wheeler einst zum Jazz. Und noch heute hören sie ausgiebig Musik zusammen. Wobei auf längeren Fahrten öfters auch mal House und Elektronik im CD-Player liegt.

„Wie viele Musiker unserer Generation wurden wir besonders von ECM und seiner Ästhetik geprägt. Die Aufnahme mit Manfred Eicher im Osloer Rainbow Studio war für uns alle wie die Erfüllung eines Jugendtraums“, sagt Julia Hülsmann. Die Transparenz der dort entstandenen Musik ist für Heinrich Köbberling auch auf die besondere Atmosphäre im Studio zurückzuführen. „Da war viel gegenseitiges Vertrauen zu spüren. Und was wir aus den Headphones hörten, klang so gut, dass die Versuchung, mehr zu spielen und vermeintliche Lücken zu füllen, gar nicht erst aufkam. So pur und reduziert hatten wir das noch nie probiert.“ Wobei Reduktion beileibe kein Selbstzweck ist: Die Kompositionen schaffen in sich homogene lyrische Stimmungen, die Improvisationen lehnen sich eng an die Songstruktur an. So öffnen sich Räume, in denen der einzelne Ton leuchten kann.

Gewiss, Julia Hülsmann ist wichtigste Komponistin und Hauptgestalterin des Trios. Doch sobald sie spielen, sind drei gleichrangige Musiker am Werk, alle drei entspannt, offen, konzentriert. Und musikalisch vollkommen souverän: Dass manche Stücke relativ einfache Materialien erforschen und beleuchten, wird uns Hörern gar nicht bewusst. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, wusste bekanntlich Karl Valentin. Recht hatte er: Schließlich kommen ja längst nicht alle Einfälle spontan am Nachmittag. Manche muss man lange hegen und nähren bis sie, schon völlig ausgereift, auf die Welt kommen. Um anschließend umso ausdauernder im Gedächtnis haften zu bleiben…

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