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About ECM

Thomas Larcher im Gespräch

Welche Station stellt diese Aufnahme in Ihrer Laufbahn als Komponist dar?
Eine Platte ist letztlich immer eine Zusammenfassung bereits absolvierter Stationen. Während die ersten beiden ECM-Alben „Naunz“ (2000) und „Ixxu“ (2006) Werke für kleinere Besetzungen vorstellten, steht bei „Madhares“ Musik für Soloinstrumente und Orchester im Mittelpunkt. „Still“ von 2002 ist so etwas wie ein Startpunkt, „Böse Zellen“ von 2006/07 markiert ein weiteres Stadium meiner Arbeiten für größere Besetzungen – den Schritt hin zu einer Orchesterliteratur, die jetzt gerade entsteht bzw. teilweise vollendet aber noch nicht uraufgeführt ist. Und „Madhares“ vertritt das jüngste Stadium auf dem Gebiet der Kammermusik.

Der Titel „Böse Zellen“ ist einem Film entlehnt, „Still“ weckt natürlich Assoziationen an ein Film-Still, und auch das Quartett „Madhares“ scheint optische Eindrücke aufzunehmen. Welche Bedeutung hat das Visuelle für Ihr Komponieren?
Ich kann mir vorstellen, dass meine Musik beim Hörer gewisse Bilder evoziert, aber für mich selbst sind es eher innere Vorstellungen und geistige Räume, die mich anregen, nicht so sehr konkrete sinnliche Eindrücke. Die Anregung schlechthin ist wichtig, im Sinne eines Impulses oder eines Stromstoßes – nicht so sehr die Charakteristika des anregenden Dings selbst. Insofern meint „Madhares“ auch weniger den so bezeichneten Landstrich im Westen Kretas, sondern vielmehr einen utopischen Ort, der weit weg von mir selbst ist – möglichst unerreichbar.

Offensichtlich beziehen sich die Stücke auf Genres wie das Solokonzert oder das Streichquartett, die viel an musikgeschichtlicher Tradition mitführen. Inwiefern gehen von diesen Traditionen solche „Stromstöße“ aus?
Für mich als Pianist ist das Konzert eine sehr vertraute Konstellation, die mich dazu einlädt, sie zu hinterfragen, vor allem indem ich den Primat des Solisten in Frage stelle. In beiden konzertanten Werken, bei „Böse Zellen“ wie bei „Still“, handelt es sich um sehr aktive, eben nicht begleitende Orchester, deren Wucht öfters mal über den Solisten hinwegschwappt.

Identifiziert sich der Komponist Thomas Larcher mit dem Solisten? Schließlich sind Sie auch Pianist …
Manche Leute haben die „Bösen Zellen“ als ein „wütendes Stück“ bezeichnet, was vielleicht bedeutet, dass hier eine Schicht meiner Persönlichkeit zum Vorschein kommt, die in meinem Leben sonst nicht so präsent ist. Diese Besessenheit, das Manische, dieses „das Räderwerk im Kopf nicht zum Stillstand bringen“, die Gedanken nicht stoppen können – das kenne ich schon. Aber es ist natürlich nicht so, dass der Solist mit meiner Person gleichzusetzen wäre…

Wie würden Sie Ihre Beziehung zu den hier verwendeten Instrumenten umreißen? Da ist die „stille“ Viola, daneben das präparierte also klanglich „maskierte“ Klavier. Nicht zu vergessen die edelste Gattung der Kammermusik, das Streichquartett!
Ja, die Viola kommt für mich aus der Stille, aber es gibt auch eine gewisse Rauheit des Tons, eine ungeschminkte Seite, als bewussten Gegensatz zu all dem Elegischen, das so oft mit dem Instrument assoziiert wird. Das Klavier ist für mich natürlich eine komplexe Angelegenheit. Einerseits war da die Flucht aus dem brillanten in den maskierten Klavierklang. Dies durchaus auch im Sinne einer Erweiterung des Farbspektrums. Darum war es mir wichtig, die Präparierung mit der Verwendung einer großen Kugel noch weiter zu treiben und die De-Präparierung dann als entscheidenden Moment der „Bösen Zellen“ zu inszenieren. Auch das Perkussive am Klavier hat mich immer sehr interessiert. Auf der anderen Seite ist das Streichquartett für mich nach wie vor die anregendste und mit den meisten Assoziationen behaftete Konstellation, weil sie einerseits so pur ist, auf der anderen Seite aber so unglaublich facettenreich, oft auch orchestral. Die Möglichkeit der bruchlosen klanglichen Verschmelzung, und dann wieder die absolute Trennung der Stimmen beim Quartett – das ist schon einzigartig. Eine derartige Innigkeit und klangliche Geschlossenheit erreicht das Klavier nicht.

Sagen Sie ein Wort zur Zusammenarbeit mit Dennis Russell Davies?
Dennis war ein Anreger und ein großer Ermutiger für mich, vor allem als er zwischen 1997 und 2002 das Radiosinfonieorchester Wien leitete. Er hat „Still“ initiiert und zusammen mit Kim Kashkashian und dem Stuttgarter Kammerorchester zur Uraufführung gebracht. Dennis sind die „Bösen Zellen“ gewidmet, er wurde eine der zentralen Gestalten für mich als Komponist, und er hat sich bei der Aufnahme wirklich in ungewöhnlichem Maß eingesetzt, wofür ich sehr dankbar bin.

Welchen Hörer wünschen Sie sich eigentlich für Ihre Musik?
Ich denke an einen Hörer, der die Tradition der europäischen Klassik so weit „beherrscht“, dass er mit ihren Codes umgehen kann. Jemand der Verläufe und Formen einordnet und sich dennoch relativ unbedarft in eine klangliche Welt hineinbegibt. Ich suche einen Hörer, der ein dynamisches Verhältnis zwischen Intellekt und Emotionalität sucht und immer wieder neue Gegenüberstellungen dieser beiden Pole zulassen kann.

Interview: Anselm Cybinski


Termine

20.5.2010: BBC Lunchtime Concert, LSO St. Luke’s, London
Sonata for Violoncello , Natalie Clein

6.–13.6.2010: Festival Spannungen, Heimbach
Poems für Klavier (UA) Einstudierung mit Kindern;
Branches/Äste für Klaviertrio

4.3.2011: Barbican, London
Violinkonzert, BBC Symphony Orchestra; Isabelle Faust, Violine; Kazuki Yamada, Dirigent

7.–9.4.2011: Neues Orchesterstück
San Francisco Symphony, Osmo Vänskä, Dirigent

8.8.2011: Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester
PROMS, Royal Albert Hall, London
Victoria Mullova, Matthew Barley, BBC Scottish Symphony, Ilan Volkov, Dirigent


Till Fellner wurde in Wien geboren, wo er bei Helene Sedo-Stadler studierte. Weitere Studien führten ihn zu Alfred Brendel, Meira Farkas, Oleg Maisenberg und Claus-Christian Schuster. Die internationale Karriere begann 1993 mit dem 1. Preis beim Concours Clara Haskil in Vevey. Seit Oktober 2008 spielt Till Fellner in einem auf sieben Konzerte angelegten Zyklus alle Beethoven-Klaviersonaten; die gesamte Reihe wird u. a. in New York, Washington, Tokio, London, Paris und Wien zu hören sein. Till Fellners Bach-Einspielungen bei ECM New Series haben höchstes Kritikerlob erhalten. Die Interpretation des vierten und des fünften Klavierkonzerts von Beethoven mit Kent Nagano und dem Orchestre Symphonique de Montréal nannte das Magazin Fanfare ein „stunning achievement“.

Kim Kashkashian, in Detroit geborene Bratschistin armenischer Abstammung, studierte am Peabody Conservatory bei Walter Trampler und Karen Tuttle. Ihre internationale Karriere begann nach mehreren Wettbewerbserfolgen, denen sich Engagements mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten anschlossen. Kashkashian hat eng mit Komponisten wie György Kurtág, Tigran Mansurian, Sofia Gubaidulina oder Giya Kancheli zusammenarbeitet; ihr gewidmete Kompositionen und eigens für sie gefertigte Transkriptionen haben das Bratschenrepertoire bedeutend erweitert. Ihre mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Aufnahmen bei ECM umfassen neben Orchesterwerken vor allem Duo-Produktionen mit dem Pianisten Robert Levin und der Perkussionistin Robyn Schulkowsky sowie zuletzt das Album „Neharót“ mit Werken von Olivero, Mansurian und Steinberg (2009).

Dennis Russell Davies, geboren 1944 in Toledo, Ohio ist auf zahlreichen ECM-Aufnahmen mit Musik von Mozart, Pärt, Kancheli, Strawinsky und vielen anderen zu hören. Neben seinem Einsatz für die Musik eines Henze, Cage, Glass, Pärt, Kancheli hat er zahlreiche Auftragswerke angeregt. Nach Chefdirigentenposten unter anderem in Bonn und Wien wurde Davies 2002 künstlerischer Leiter des Bruckner-Orchesters Linz und der Linzer Oper. Davies ist Professor für Dirigieren am Mozarteum Salzburg; seit der Saison 2009/10 amtiert er als Chef des Basler Sinfonieorchesters.

Das Quatuor Diotima wurde von Absolventen der Konservatorien in Paris und Lyon gegründet und erhielt in den Jahren 1999/2000 mehrere wichtige Auszeichnungen. Mit seiner Bezugnahme auf das einzige Streichquartett Luigi Nonos („Fragmente – Stille. An Diotima“) bezeugt der Name des Ensembles ein besonderes Engagement für die Musik der Gegenwart. So haben die Franzosen Werke von Brice Pauset, James Dillon, Hanspeter Kyburz und anderen ur- und erstaufgeführt. Unter den viel beachteten Aufnahmen bei diversen Labels fand die Interpretation der beiden Quartette Leoš Janačéks ein besonders starkes Echo.

1950 gegründet, wurde das Münchener Kammerorchester fast vierzig Jahre von Hans Stadlmair geprägt, ehe Christoph Poppen von 1995 an eine experimentierfreudige Programmatik einführte, die die Musik der Gegenwart gleichberechtigt dem traditionellen Repertoire an die Seite stellt. Seit 2006 ist Alexander Liebreich Chefdirigent des Orchesters. Das MKO hat mehrere innovative Konzertreihen initiiert; die Aufnahmen des Orchesters bei ECM, zuletzt eine Gegenüberstellung von Haydn und Isang Yun, finden in der internationalen Presse ein breites Echo.

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