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„Ich liebe die Sprache an und für sich, vor allem die armenische natürlich, ihre Dialekte, Prosa und Poesie, die heutige und die ganz alte“, hat Tigran Mansurian unlängst in einem Interview bekannt. „Für mich ist das Wort von allen Seiten her interessant, insbesondere aber von der phonetischen.“ So fasziniert den Komponisten an der armenischen Sprache der Reichtum der Konsonanten, die „mit einer ganz eigenen Kraft aufeinander stoßen“, wie er sagt. Entsprechend hat er sich bei der musikalischen Auseinandersetzung mit der Lyrik Yegishe Tcharents’ zunächst von Klang und Rhythmus der Verse inspirieren lassen: Die Texte werden streng syllabisch vertont, und der Chorsatz ist überwiegend homophon und schlicht gehalten. Die durch ihre übermäßigen Schritte charakterisierten Modi, auf denen die melodischen Linien beruhen, unterstreichen den Klang der Sprache zusätzlich.

Ars Poetica, das umfangreichste Chorwerk des großen armenischen Komponisten, das hier in Erstaufnahme vorliegt und, als vierte Veröffentlichung, die Reihe der viel beachteten Mansurian-Produktionen bei ECM New Series fortsetzt, ist insofern nicht allein eine Hommage an die überragende Dichterpersönlichkeit Armeniens im 20. Jahrhundert, es ist auch eine Huldigung an die Sprache und Literatur des Landes schlechthin. Daran mag es liegen, dass Mansurian Tcharents’ Gedichte nicht einer individuellen Stimme überantwortet (was angesichts ihres intimen und sehr persönlichen Gestus’ nahe läge) sondern einem Kammerchor. Allerdings stellt die Gattungsbezeichnung „Konzert“ einen Näherungswert dar: Ars Poetica vereinigt Merkmale eines Liederzyklus’ mit jenen einer Chorkantate, verzichtet aber auf konzertante Elemente im traditionellen Sinne.

Tcharents’ Gedichte seien in das kollektive Bewusstsein des armenischen Volkes eingegangen, sagt Mansurian, der sie seit seiner Jugend intensiv studiert hat: „Gemeinsam bilden sie so etwas wie ein Epos. Jedes ‚Porträt’ hat das Potenzial, sich von einer individuellen zu einer kollektiven Aussage emporzuheben.“ Dies hat zum einen mit der künstlerischen Qualität von Tcharents’ Dichtung zu tun, die trotz aller sprachlichen Barrieren auch international als eine der großen literarischen Leistungen des 20. Jahrhunderts gelten muss, zum anderen aber mit der symbolischen Bedeutung des Schriftstellers für das geistige Leben der Kaukasusrepublik. Geboren 1897 im Gebiet der heutigen Türkei, schließt sich Tcharents schon als Heranwachsender dem Widerstand gegen die Türken an. Von 1916 an studiert er in Moskau Literatur und wird schnell zum entschiedenen Anhänger der Bolschewisten. 1918 bis 1921 kämpft er in der roten Armee gegen russische und armenische Nationalisten. Tcharents wird Diplomat, er gründet eine einflussreiche Dichtergruppe, übersetzt wichtige Werke der Weltliteratur ins Armenische und veröffentlicht Gedichte und Romane. In einem seiner sogleich bekanntesten Gedichte aus den dreißiger Jahren, „Die Botschaft“, glaubt das Regime jedoch „nationalistische“ Klänge zu vernehmen: Tcharents wird inhaftiert und stirbt unter ungeklärten Umständen 1937 in einem Gefängnis in Jerewan – höchstwahrscheinlich an den Folgen eines Hungerstreiks. Erst nach Stalins Tod 1953 dürfen seine Werke wieder veröffentlicht werden.

Für Ars Poetica hat Mansurian zehn Gedichte Tcharents’ aus der Zeitspanne von 1915 bis 1936 ausgesucht und zu vier Gruppen zusammengestellt. Obwohl jede Gruppe einem eigenen übergreifenden Thema gewidmet ist, berühren alle Texte unterschwellig die Beziehung zwischen Leben und Dichtkunst. Ganz offensichtlich wird dies in einem Gedicht wie „Angst“, in dem Baudelaire, Verlaine, Poe und Heine als Nachtgeister auftauchen, oder in „Japanische Tankas“ mit seinen formalen Entsprechungen zu den 31-silbigen Fünfzeilern der klassischen japanischen Dichtung. Die Teile I, II und III, die jeweils aus drei Stücken bestehen, gehorchen formal dem Schema A-B-A: Zwei bewegte Sätze rahmen jeweils einen langsameren ein oder umgekehrt. Der vierte Teil, der nur ein einziges Gedicht verwendet und deutlich länger ist als alle anderen, fungiert als pessimistisches Finale: Keine Dichtkunst kann gegen den Tod bestehen, scheinen die letzten Verse zu sagen: „Das was ich war, was zu mir gehörte / wird in keinem Buch jemals wieder lebendig werden / In keinem geschriebenen Buch der ganzen Welt / in keinem Buch, in keinem Buch...“
(Übersetzung nach der englischen Fassung von Vatsche Barsoumian)

Ars Poetica wurde im Saghmosavank Kloster in Armenien in Anwesenheit des Komponisten live aufgenommen.

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Tigran Mansurian wurde 1939 als Sohn armenischer Eltern in Beirut geboren. 1947 kehrte seine Familie nach Yerewan zurück. Seit 1960 unterrichtete Mansurian, der allgemein als der führende Komponist seines Heimatlandes gilt, am staatlichen Komitas-Konservatorium, zu dessen Direktor er 1990 ernannt wurde. Zugunsten seiner kompositorischen Arbeit legte er diese Position bald nieder. Mansurians umfangreiches Œuvre umfasst Vokal-, Kammermusik- und Orchesterwerke. Interpreten wie Alexei Lubimov, Boris Berman, Oleg Kagan und Natalia Gutman haben seine Kompositionen aufgeführt.
2003 veröffentlichte ECM „Hayren“ (ECM New Series 1754) mit Musik von Komitas und Mansurian, gefolgt 2004 von der Doppel-CD „Monodia“ (ECM New Series 1850/51), auf der Kim Kashkashian, Jan Garbarek, Leonidas Kavakos, das Hilliard Ensemble und das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Christoph Poppen zu hören waren.
Im Herbst 2005 erschienen die Streichquartette Nr. 1 und 2 aus den achtziger Jahren sowie das 2004 entstandene Stück „Testament“ in einer Aufnahme mit dem Münchner Rosamunde Quartett (ECM New Series 1905).

Das Repertoire des im Jahr 2000 gegründeten Armenischen Kammerchors reicht von Gabrieli bis Vasks, von Bach bis zu Schnittke. Der 35 Sänger umfassende Chor, der sich unter Leitung seines Chefdirigenten Robert Mlkeyan schnell zum Spitzenensemble entwickelt hat, widmet sich mit besonderer Aufmerksamkeit den armenischen Komponisten der Gegenwart und hat in den vergangenen Jahren Werke von Haladjian, Hairapetian und nicht zuletzt Tigran Mansurians Ars Poetica uraufgeführt. Mit zahlreichen wichtigen Chorkompositionen von Britten, Schnittke und Vasks hat der Chor das armenische Publikum zum ersten Mal bekannt gemacht. 2001 gab der Armenische Kammerchor sein Debüt in London. Für 2006 ist eine Konzertreise nach St. Petersburg und Moskau vorgesehen.

Robert Mlkeyan hat am St. Petersburger Konservatorium und am Komitas-Konservatorium in Yerewan Chor- und Orchesterleitung studiert. Schon in seiner Studienzeit gründete er mehrere Chöre und spezialisierte sich auf Erstaufführungen der Werke junger armenischer Komponisten. 1992 wurde er künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Sinfonieorchesters und Kammerchores der Stadt Gyumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens. Mlkeyan ist bei zahlreichen Festivals und in wichtigen Konzerthäusern Europas aufgetreten.

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