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About ECM

„Selten habe ich einen improvisierenden Musiker getroffen, der über einen derartigen Sinn für Struktur und Form verfügt“, sagt ECM-Produzent Manfred Eicher über den Pianisten Stefano Bollani, der, nach bemerkenswerten Auftritten in den Ensembles seines einstigen Mentors Enrico Rava („Easy Living“, „Tati“), nun sein ECM-Debüt als Solist gibt. Seine herausragenden technischen Fähigkeiten, seine stilistische Vielseitigkeit und ein ausgeprägter Sinn für musikalische Komik haben den lebhaften 34-jährigen Italiener in seiner Heimat populär gemacht; aber auch international wächst die Aufmerksamkeit beständig. „Piano Solo“ markiert nun ein neues Reifestadium in der künstlerischen Entwicklung Bollanis: 16 prägnant formulierte Miniaturen verbinden Spontaneität mit melodischem Fluss, blitzende Virtuosität mit feiner Melancholie und fügen sich dabei zu einem großen, niemals abreißenden Entwicklungsbogen zusammen.

„Für mich bestand lange die Gefahr, dass ich einfach zu viel spiele, dass ich zu viele Effekte, Kunststückchen und Überraschungen in meine Improvisationen einbaue und meinem Spaß am Witzigen zu sehr nachgebe“, sagt Bollani, der auf dem neuen Album nun sehr lyrisch und gesammelt agiert, ohne dabei je an Frische einzubüßen. „Inzwischen weiß ich, dass man gute Ideen schonend behandeln muss. Ich liebe ja durchaus auch den derben Humor und habe oft zu viele Einfälle gleichzeitig im Kopf, um Ruhe und große Linien zu finden. Deshalb war Manfred Eichers Anregung, die aufgenommenen Stücke als eine Art geschlossener Suite zusammenzustellen, sehr wertvoll für mich. Früher neigte ich eher zu ständigen Kontrasten, zum regelmäßigen Wechsel zwischen Up-Tempo-Nummern und Balladen, einfach weil ich glaubte, das Publikum bräuchte dies und würde sich sonst womöglich langweilen.“

Bollani schmilzt die Erfahrungen diverser musikalischer Milieus homogen in einen unverwechselbaren Personalstil ein und gebietet dabei über eine geradezu enzyklopädische Vielfalt an Stilen und Tonfällen. „Ich liebe sehr viel Musik aus allen möglichen Richtungen, Klassik, Tango, Brasilianisches und Jazz aller Art natürlich. Charakteristische Idiome wie Stride Piano oder die Alberti-Bässe der Wiener Klassik kann man wunderbar als Erkennungsmittel benutzen, weil sie beim Publikum unmittelbar bestimmte Assoziationen auslösen. Mit diesen bekannten Elementen schaffe ich so etwas wie eine Verständigungsgrundlage, auf der sich dann etwas Neues entwickelt. Das ist wie beim traditionellen Umgang mit Jazzstandards. Kennt Ihr den Song? Hier ist er, jetzt scheint er plötzlich verschwunden, nein, da lugt er wieder hervor… solche Vexierspiele sind entscheidend für mich. ‚A Media Luz’ zum Beispiel habe ich bei der Aufnahme zunächst ziemlich geradeaus gespielt, wahrscheinlich, weil ich diesen Song so sehr liebe. Manfred Eicher hat das sofort gespürt und mich ermutigt, mir mehr Freiheit zu nehmen und das Stück wirklich in meinem Stil zu spielen.“

Ursprünglich hatte Bollani vor, Musik Sergej Prokofjews ins Zentrum dieser Aufnahme zu stellen. „Prokofjew ist für mich so etwas wie die Essenz der modernen Musik. Er baut eine Welt aus wenigen Takten, denken Sie nur an den Anfang von ‚Peter und der Wolf’, seine Melodien sind auf eine merkwürdig giftige Weise süß, seine Harmonien sind tonal aber voller Tücken. Das liebe ich, da ich immer noch an die Kraft und die Möglichkeiten der Tonalität glaube. Prokofjew bewegt sich genial auf einem schmalen Grad – auf der einen Seite lauert der Kitsch, auf der anderen Seite die schlichte Übertreibung.“ Bollani hatte Material aus dem Ballett „Romeo und Julia“ und aus den „Visions fugitives“ vorbereitet, doch dann spürte er schon zu Beginn der Aufnahme in Lugano, dass er sich in der Wahl der Stücke nicht derart einschränken wollte. „Die kreativsten Dinge passieren für mich oftmals in der allerersten Begegnung mit einem speziellen Instrument. Dort stand nun dieser phantastische Steinway, und mir kamen so viele Ideen und Assoziationen, dass ich mir sagte, warum soll ich mich in einen solchen Käfig sperren?“

Nur den (frei paraphrasierten) langsamen Satz aus Prokofjews erstem Klavierkonzert hat Bollani schließlich ins Repertoire des Albums aufgenommen; „Promenade“ und „Sarcasmi“ sind zumindest deutlich von der Musik des Russen inspiriert. „Buzzillare“ und die vier spontan im Studio entstandenen Improvisationen stecken voller Anspielungen und maskierter Reminiszenzen, wobei diese niemals konkret greifbar werden. Vor allem aber schlägt sich auf „Piano Solo“ Bollanis Vorliebe für Standards und alte Schlager nieder. „Don’t talk“ von den Beach Boys, veröffentlicht in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre auf dem Album „Pet Sounds“, ist das jüngste der hier verwendeten Lieder, ausgenommen nur das eröffnende „Antonia“ (1998) aus der Feder des Italieners Antonio Zambrini. „Als Kind wollte ich gerne Popsänger werden, und noch heute singe ich, wann immer man mich lässt. Ich liebe die Stimme einfach, das mag mit meinem italienischen Erbe zu tun haben. Schon damals war ich vernarrt in die Musik der 50er Jahre, mein Vater hatte all diese Platten, Nat King Cole, Dean Martin, Bill Haley, Elvis natürlich und Frank Sinatra. Ein Vorbild für mich wurde dann Renato Carosone, der große neapolitanische Sänger und Pianist, er war eine echte Identifikationsfigur.“ Schon bald entdeckte Bollani den Jazz. Er begann die Soli der großen Alten zu studieren und nachzuspielen, er versuchte sich die Handschriften der unterschiedlichsten Jazzpianisten anzueignen, um frei über sie verfügen zu können. Mit 15 begann er mit eigenen Bands in Clubs zu spielen, er hatte ein Trio und ein Quintett.

In den folgenden Jahren musste Bollani diese Aktivitäten vor seinem Professor am „Conservatorio Luigi Cherubini“ geheim halten. „Die Ausbildung dort war sehr strikt und formell. Die Konservatoriumsdisziplin fiel mir mitunter schwer, aber heute bin ich natürlich dankbar für die Unnachgiebigkeit meines Professors, denn ich habe ungeheuer davon profitiert.“ Im Alter von 21 Jahren schloss Bollani 1993 sein Studium mit Bestnote ab. Doch eine Laufbahn als klassischer Musiker kam für ihn nicht in Frage: „Ich liebe die klassische Musik, aber mit der Atmosphäre, dem Ernst und der bedingungslosen Treue zum Notentext komme ich nicht zurecht. Das schaffe ich immer nur ein paar Tage lang, dann muss ich ausbrechen, selbst bei Komponisten wie Ravel, Poulenc oder Milhaud, die ich sehr mag. Die Idee der präzisen Wiederholung widerstrebt mir vollkommen, ich habe keinerlei Vorstellung von Perfektion im Kopf. Ich möchte jedes Mal etwas anderes spielen, weil ich mich nie festlegen möchte, wie ein Stück eigentlich zu klingen habe. Entwicklung ist mir wichtig, der fortlaufende Prozess.”

Zunächst jedoch wurde Bollani Keyboarder in der Band des italienischen Rappers Jovanotti, spielte zwei Jahre lang regelmäßig vor Tausenden von Zuhörern – und stellte erneut fest, dass letzen Endes nur das Vorhersagbare zählte: „Im Pop musst Du in jedem Konzert exakt die selben Akkorde spielen, schließlich sollen die Hörer ja die Platte wiedererkennen!“ Es war der Trompeter Enrico Rava, der Bollani schließlich dazu ermutigte, sich voll und ganz seiner wahren Passion, dem Jazz, zu widmen. „Rava sagte, ich sollte den Schritt wagen, ich hätte das Talent dazu. 1996 begannen wir zusammen zu spielen, in unterschiedlichen Formationen, Duo, Quartett und Quintett. Im Laufe der Jahre haben wir 12 Alben für verschiedene Labels aufgenommen. Inzwischen bin ich nicht mehr Mitglied seiner festen Gruppen, wir spielen jetzt nur noch als Duo zusammen, aber Enrico ist für mich künstlerisch zu einer Art Vaterfigur geworden. Bei ihm lernte ich, was ein Bandleader wirklich ist: Dass es darauf ankommt, Vertrauen zu den Musikern zu zeigen und niemals Käfige zu errichten. Enrico sagte mir immer, niemals sollte ich etwas spielen, nur weil ich glaubte, es würde ihm gefallen, ich sollte im Gegenteil nur auf mein Naturell vertrauen.“

Und was hält Bollani selbst von seinem „Sinn für Struktur und Form“? Ist genau das sein Naturell? Instinkt und Bewusstheit scheinen sich die Waage zu halten: „Ich bin ein klassisch ausgebildeter Musiker, ich liebe Songs, deshalb bin ich an Formen gewöhnt und greife ganz unweigerlich nach ihnen – und seien es nur zwei Akkorde oder ein bestimmter Rhythmus. Man möchte sich das eigentlich nicht eingestehen, aber die beste Musik ist oft aus ganz einfachen Molekülen aufgebaut. Je einfacher sie sind, desto mehr kann man aus ihnen entwickeln.“

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