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About ECM

Vor sechzig Jahren, am 8. Mai 1945, wurde Keith Jarrett in Allentown, Pennsylvania, geboren. Das Doppelalbum „Radiance“ ist die erste Veröffentlichung mit Soloimprovisationen seit dem 1995 aufgenommenen Konzertmitschnitt „La Scala“. Die Abschnitte 1 bis 13 geben das gesamte Konzert vom 27. Oktober 2002 in Osaka wieder. Ausschnitte des Auftritts am 31. Oktober 2002 in Tokio bilden die Teile 14 bis 17.

„Ich habe nicht einmal ein Samenkorn, wenn ich beginne“, hat Jarrett einmal gesagt. „Ein Solokonzert ist wie eine andere Welt mit eigenen Regeln, die nicht ich selbst aufgestellt habe.“ Mehr als dreißig Jahre nach seinen ersten durchgängig improvisierten Konzerten in den frühen siebziger Jahren (Bremen/Lausanne 1973, ECM 1035) ist Keith Jarrett noch immer erfüllt von der Idee des absichtslos-spontanen musikalischen Ereignisses, einer Art „Ecriture automatique“ innerer Erregungszustände, wie sie die Surrealisten um André Breton in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für die Literatur und die Bildende Kunst postulierten.

„Die Art, wie wir zu tiefen Gedanken gelangen, hat viel damit zu tun, was wir zuvor nicht denken, und ich wollte einen Teil der Musik mit mir geschehen lassen, ohne in tiefer Versenkung dazusitzen“, schreibt Jarrett in seinen Liner Notes zu „Radiance“. Gleichsam kopfüber, ohne jede Einleitung, stürzt sich der glänzend disponierte Pianist zu Beginn in den Strudel der Töne. Dennoch sind die mehr als zwei Stunden Improvisation, die auf „Radiance“ zu hören sind, keine voraussetzungslose Kunst: Ein in der Musikgeschichte so universell bewanderter Musiker wie Jarrett stößt geradezu zwangsläufig auf die Fährten der großen Meister der Vergangenheit. Zudem vermeidet der Amerikaner seit dem „Köln Concert“ von 1975 bewusst jede Wiederholung des aus einer Ausnahmesituation heraus entstandenen Meisterwerks. Auch dies beeinflusst den Flug der Fantasie.

Schließlich strebte Keith Jarrett, wie er in seinen Anmerkungen hervorhebt, im Oktober 2002 einen gänzlich anderen Formverlauf an als in seinen früheren Konzerten. Während sich die Bögen dort mitunter auf mehr als eine Stunde ausdehnten, improvisiert er in „Radiance“, ähnlich wie in “Dark Intervals“ von 1987 (ECM 1379), in knapperen Abschnitten. Der längste dauert etwas mehr als 13 Minuten, der kürzeste anderthalb. In ihrer Abfolge verbinden sie sich zu einer locker gefügten Suite.

Kaum je war Jarretts Spektrum in puncto Ausdruck und Materialauswahl so breit wie in „Radiance“: Neben rhapsodisch schweifenden Passagen, deren Dissonanzen hörbar den „klassischen“ Komponisten des 20. Jahrhunderts verpflichtet sind, bilden sich weich fließende Songstrukturen heraus. Part 3 etwa ist eine extemporierte Ballade in schönster Broadwaymanier. Jarrett ergeht sich in kontrapunktischen und imitatorischen Künsten. Fast beiläufig huldigt er aber auch dem Sound des Ragtime (Part 8).

„In the Light“ oder „Luminessence“ hießen frühere Jarrett-Aufnahmen. „Radiance“ – zu übersetzen etwa mit „Strahlen“ oder „Leuchten“ – nimmt seine Vorliebe für Lichtmetaphern wieder auf.

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