News/Special Offers
Artists
Catalogue/Shop
Tours
Links
About ECM

Kompositionen auf der Grundlage von Volksliedern durchziehen das Lebenswerk von Luciano Berio: „Meine Verbindung zur Volksmusik hat meist einen emotionalen Charakter. Wenn ich mit dieser Musik arbeite, bin ich gefangen von der Aufregung, Entdeckungen zu machen.“ Beide Werke auf dieser CD, „Voci (Folk Songs II)“ für Viola und zwei Instrumentalgruppen und „Naturale“ für Viola und Percussion, beruhen auf Berios Auseinandersetzung mit sizilianischer Folklore und wurden 1984 bzw. 1985 mit dem Bratschisten Aldo Bennici uraufgeführt: „Ich bin tief in der Schuld von Aldo Bennici, der mir das originale musikalische Material für ‚Voci‘ besorgt hat: Lieder über Arbeit, Wiegenlieder, Volkslieder und Liebeslieder aus verschiedenen Teilen Siziliens. Ich hoffe, damit unter anderem dazu beizutragen, ein tieferes Interesse für die sizilianische Folklore zu wecken, die neben der sardischen sicherlich die reichhaltigste, umfassendste und glühendste unserer mediterranen Kultur ist.“

In der vorliegenden Aufnahme, die erstmals beide Werke gemeinsam vorstellt, gestaltet Kim Kashkashian den Solopart. Die amerikanische Bratschistin armenischer Abstammung hat sich stets für die Musik der Gegenwart eingesetzt und arbeitet eng und kontinuierlich mit Komponisten wie György Kurtág, Giya Kancheli, Sofia Gubaidulina, Linda Bouchard oder Peter Eötvös zusammen. Auf die Einspielung von “Voci”, der ein Konzert bei den Salzburger Festspielen 1999 vorausging, bereitete sie sich zusammen mit Luciano Berio vor, der auch an der Aufnahme teilnahm. Sowohl mit Dennis Russell Davies, der bei Berio studierte, als auch mit der Perkussionistin Robyn Schulkowsky verbindet die Solistin eine jahrelange gemeinsame Arbeit, die durch Aufnahmen bei ECM New Series dokumentiert ist.

Um dem Hörer einen Eindruck von der Kraft des Gesanges und den teilweise tief berührenden Inhalten der sizilianischen Volkslieder zu geben, sind zwischen die beiden Kompositionen Originalaufnahmen aus dem ethnomusikalischen Tonarchiv der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom eingefügt, deren Archaik und Intensität auf alten musikalischen Traditionen beruhen.




Luciano Berio, Voci
Ein Gespräch mit Kim Kashkashian


Standen Sie während den Vorbereitungen zu dieser Aufnahme mit Luciano Berio in Kontakt?

Wenn der Komponist noch lebt und komponiert und vielleicht sogar seine Stücke noch überarbeitet, will man sich natürlich immer mit ihm in Verbindung setzen. Allein aus dem gedruckten Notentext erhält man nicht immer alle Informationen, die man benötigt oder die vermittelt werden sollen. Daher ist es immer sinnvoll, direkt mit dem Komponisten zusammenzuarbeiten – und darüber hinaus macht es auch Spaß und ist eine echte Herausforderung. Bei Berio kommt erfreulicherweise noch hinzu, dass er selbst gerne singt, und so konnten wir uns der Partitur nähern, indem wir zusammen sangen. Er versteht es sehr gut, sich mit seiner Stimme auszudrücken, so dass ich eine bessere Vorstellung davon bekam, was mit diesen kleinen Noten auf dem Papier eigentlich genau gemeint ist.

Sprachen Sie überhaupt mit Aldo Bennici, dem Bratschisten der ersten Aufnahme von „Voci“?

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mich mit Aldo Bennici zusammenzusetzen und zu unterhalten, was ganz wundervoll war. Er ist eine sehr lebendige Person mit schauspielerischem Talent und ist der festen Überzeugung, dass Neue Musik und darstellerische Elemente zusammengehören. Dadurch betrachtet er die Dinge aus einer anderen Perspektive. Er ist Sizilianer und hatte die meisten alten Melodien selbst aufgespürt. Daher konnte er mir sehr viel über die ersten Entwürfe zu dem Werk und die Bedeutung jener Volkslieder mitteilen. Einige dieser alten Lieder haben sehr berührende Texte. Etwas, das er mir wieder und wieder sagte und zu verstehen gab, war, dass die Menschen in Sizilien so stark unter dem Einfluss des intensiven Sonnenlichts auf der Insel stehen, dass eine Persönlichkeit eine „Schattenseite“ auspräge, die zur ständigen Beschäftigung mit dem Tod führt. Die Sonnen- und die Schattenseite sind wie die beiden Seiten einer Medaille, nur dass sie bei Sizilianern stets zur gleichen Zeit, also parallel, sichtbar sind. Dadurch eröffnen sich sehr aufschlussreiche Perspektiven auf all diese Lieder und auch auf die Kompositionen, für die Berio jene Lieder verwendete und bearbeitete. Um ein Beispiel zu nennen: Eines dieser sehr schlichten und schönen Lieder hat einen herzzerreißenden Text. Eine Mutter bittet Gott: „Gib meinem Kind bitte ein Heim, nimm mein Kind zu Dir.“ Sie will damit sagen: „Ich kann hier nicht für dieses Kind sorgen, ich habe nicht genug zu Essen, ich bin nicht im Stande, mein Baby zu versorgen, bitte, gib meinem Baby ein Heim im Himmel.“ Sie sagt also eigentlich, dass dieses Kind sterben soll, weil es dann glücklicher wäre. Vielleicht klingen die Melodien relativ harmlos, verglichen mit der Tiefe und der Dichotomie, die den meisten Texten eigen ist.

„Naturale" und „Voci" scheinen sehr unterschiedliche Stücke zu sein, stimmen Sie dem zu?

Ihre Montage und ihr Affekt sind tatsächlich ziemlich unterschiedlich, aber das, was man im Deutschen ihren „Ausgangspunkt" nennt, ist in gewisser Weise identisch. Das Stück „Naturale" mit seiner präzisen Klangfarbe, bestehend aus Viola, Schlagzeug und der menschlichen Stimme vom Band, wird von einer kompakteren und intensiveren Erfahrung getragen. Das Stück war ursprünglich als Theaterstück für einen Tänzer geplant. Deshalb meint Aldo Bennici auch, wenn es auf der Viola vorgetragen wird, wirke es am besten, wenn der Musiker gestikuliert und ein wenig Theater macht, um das fehlende Element zu ersetzen.

Das andere Stück von Berio, „Voci”, ist vielleicht dichter konstruiert, es gibt mehr „Berio” in ihm, denn seine Stärke liegt in der Orchestrierung, die hier wirklich phänomenal ist. Die Orchestrierung und die komplexe Konstruktion des Werkes reflektieren diese Lieder nicht nur, sie stellen eine wesentliche Erweiterung dar.

Ihre Art, Viola zu spielen, wird oft mit Gesang verglichen. Empfinden Sie das auch so, und wenn ja, inwiefern beeinflusst dieser Aspekt Ihre Interpretation der Stücke?

Es ist nicht wesentlich, dass die Wiedergabe der Gesangsstimme in „Voci” nicht zu hören ist, weil alle Melodien von der Viola gespielt werden – wie übrigens auch in „Naturale“, wo die Farbgebung der Linien ganz beherrschend ist. Aber um die Frage zu beantworten, woher der Impuls stammt, wenn man mit einem Instrument singt, möchte ich erneut Aldo Bennici zitieren. Vor kurzem saß er in einem Raum, sah mich an und sagte: „Ich begann, Viola zu spielen, weil ich eine Klanglichkeit suchte, und zwar weil ich glaubte, dadurch zu Gott sprechen zu können.“ Das war nicht pathetisch, er sagte, dass er als Kind wie alle Sizilianer religiös war, und dass er glaubte, zu Gott am Besten durch den Klang, die Stimme seines Instruments sprechen zu können. Ich bin derselben Ansicht wie Bennici: Es besteht kein Unterscheid zwischen der Vokalisierung auf einem Instrument, dem Klang, den ein Instrument erzeugt und dem, der aus der Brust und aus den Stimmbändern eines Menschen kommt, vorausgesetzt er hat das Glück, entsprechend ausgestattet zu sein. Also ist der Impuls identisch, und sollte es im besten Fall auch stets sein.

Vor kurzem haben Sie Bartóks Viola-Konzert für ECM aufgenommen. Bartók fällt einem sicherlich zuerst ein, wenn man von dem Einfluss der Volksmusik auf die Musik des 20. Jahrhunderts spricht. Jetzt haben Sie diese Werke von Berio aufgenommen: Ist der Einfluss der Volksmusik ein Element in Kompositionen, das Sie generell reizt?

Ihre Frage erfordert eine Antwort in zwei Teilen. Bartóks und Kodálys Bemühungen um die Volksmusik – oder die „Landmusik“, wie Bartók sie in Abgrenzung zur „Stadt-" oder „Kunstmusik“ nannte – sind nur deswegen so bekannt, weil sie so gut dokumentiert sind. Auch für viele andere Komponisten war die Musik ihres Volkes und ihrer Kultur der „Ausgangspunkt“ ihres Schaffens. Vielleicht nicht immer in so bewusstem Maße wie bei Bartók. Aber es trifft auf viele Komponisten zu, sicherlich auf Brahms und Schubert. Ich würde Bartók also nur insofern herausstellen wollen, als er sehr intensiv Volksmusik erforscht hat, seine Ergebnisse gut dokumentiert vorliegen und diese Forschung einen sehr wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Aspekt seiner Arbeit ausmacht.

Der andere Teil Ihrer Frage ist etwas schwerer zu beantworten. Die Musik des 20. Jahrhunderts entfernt sich an ihrer Oberfläche mehr und mehr von dem, was wir Volksmelodien oder organische, menschliche Rhythmen und Harmonien nennen würden. Sie bezieht sich mehr und mehr auf ein Ziel, das außerhalb des Menschen liegt. Dennoch bleibt der Vergleichspunkt, der Bezugspunkt für den Musiker, den Interpreten und auch den Zuhörer ein subjektives Element, nämlich die Frage: „Was kann ich singen?“

Können Sie etwas zu ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Dennis Russell Davies sagen?

Wenn man sich das Repertoire unserer gemeinsamen Aufnahmen ansieht, kann man erkennen, wie gerne ich mit Dennis zusammen arbeiten. Er hat nämlich einen Sinn für dieses gesangliche Element, für diese Notwendigkeit zu atmen, und ist in dieser Hinsicht eine unglaubliche Stütze. Zudem war er Berios Schüler, er hat bei Berio studiert, wodurch er ihm stark verbunden ist und die Implikationen des Notentextes sehr gut versteht. Er weiß, wie man sie verwirklichen kann. Es war mir sehr wichtig, dass Berio und Dennis sich gegenseitig so sehr vertrauen.

Auch mit Robyn Schulkowsky haben Sie schon mehrfach zusammen gearbeitet.

Uns verbindet eine lange und erfolgreiche Beziehung, die hoffentlich noch lange andauern wird. Ich glaube, die Musik zu „Naturale“, so wie sie notiert ist, ist nicht ganz dasselbe, was Robyn daraus gemacht hat. In dem Theaterstück spielte das Schlagzeug vielleicht eine eher untergeordnete Rolle. Aber als wir das Stück einspielten, bekam es eine erheblich lebendigere und elementarere Bedeutung. Daher wurde Robyn zu einem sehr wichtigen Teil des Bildes, das wir von dem Stück entwickelten.


Interview:Tina Köhn,Übersetzung: Andrea Kirchhartz

Back