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About ECM

„Funèbre“ bildet den Auftakt einer langfristig angelegten Zusammenarbeit zwischen ECM Records und dem Münchener Kammerorchester, einem Ensemble, dessen große internationale Reputation in den vergangenen Jahren dank der inspirierten Leitung durch Christoph Poppen enorm gestiegen ist.

Mit dieser Veröffentlichung, die mit dem 50-jährigen Jubiläum des Münchener Kammerorchesters zusammentrifft, haben sich das Orchester und Produzent Manfred Eicher des Schaffens eines der wichtigsten und eigenwilligsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts angenommen: Karl Amadeus Hartmann (1905-1963). „Funèbre“ enthält zwei von Hartmanns bekanntesten Werken, die den Epochensprung zwischen Spätromantik und Neuer Musik überbrücken, darüber hinaus als Ersteinspielung sein Konzert für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester.

K.A. Hartmann war von Anbeginn seiner Laufbahn ein rebellischer, anarchischer Geist von allerdings barocker Lebensart, der sich dem Münchener Konservativismus stets aufs Heftigste widersetzte. Er tat das auch als Organisator, zunächst mit Konzerten im Rahmen der Kunstausstellungen der Münchener „Juryfreien“, und nach 1945 mit der Gründung und Leitung der Konzertreihe musica viva, die dem Kulturleben der Stadt schnell internationale Ausstrahlung verlieh und den Ruch der Rückständigkeit vertreiben konnte. Wichtige Stationen auf Hartmanns künstlerischem Werdegang waren dabei die Unterstützung, die er durch Hermann Scherchen, den „Geburtshelfer der Neuen Musik“ (so Hartmann) erfuhr und der Kompositionsunterricht bei Anton Webern in Wien, den er sich in äußerst schwieriger Zeit der inneren Emigration selbst verordnet hatte. Während der Zeit des Dritten Reichs verstummte Hartmann in seiner Heimat gänzlich, und dies nicht erst aufgrund der Hetzkampagnen gegen die sogenannte „Entartete Musik“, der er sich schließlich zutiefst verbunden fühlte, sondern ganz und gar aus eigenem, den unseligen Zeitläuften widerstehendem Antrieb.

Die Komposition des Kammerkonzerts für Klarinette, Streichquartett und Streichorchester wurde 1930 begonnen und 1935 fertiggestellt, jedoch erst 1969 – sechs Jahre nach Hartmanns Tod – uraufgeführt. Das „Concerto funèbre“ – der Originaltitel lautete zunächst „Musik der Trauer“ – komponierte Hartmann aus Protest gegen den politischen Verrat, der Europa letztlich in den Krieg trieb. Musikalisch beredt wird seine Haltung des Widerstands unter anderem in den komponierten Anspielungen auf hussitischen Choralgesang, und damit dem indirekten Bezug auf die 1938 um ihre Souveränität betrogene Tschechoslowakei. Die Uraufführung fand 1940 in der Schweiz statt. In eben jener Zeit entstand unter dem Titel „Symphonie für Streichorchester und eine Sopranstimme“ auch die Urfassung der vierten Symphonie, deren vokalen Schlusssatz Hartmann 1946/47 durch ein instrumentales Finale ersetzte. Die Uraufführung erfolgte 1948 unter Hans Rosbaud in München.

Einerseits für die unbeugsamen Komponisten serieller Musik zu „tonal“ und „romantisch“, andererseits zu radikal und herausfordernd für das breite deutsche Konzertpublikum, blieb Hartmanns Musik in seinem Heimatland für lange Zeit unterrepräsentiert und weitgehend unterschätzt. Erst in den letzten Jahren hat man Hartmanns Schaffen einer erneuten Bewertung unterzogen, und seine Position abseits aller Schulen und Strömungen wird heute zurecht als Ausweis künstlerischer Integrität gewürdigt.

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Wenn in den Spielzeiten des Münchener Kammerorchesters Werke jeweils eines Komponisten des klassischen Bereichs mit wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in geradezu exemplarischen Aufführungen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, dann lebt damit genau jene Musiziertradition fort, wie sie Hartmanns Mentor Hermann Scherchen bis zuletzt mit größter Überzeugungskraft verkörpert hat. Der früh von Arnold Schönbergs hohem künstlerischen Ethos erfasste Scherchen wiederum stand selbst in der Tradition legendärer Dirigierkollegen wie Gustav Mahler und Anton Webern. So besitzt es in mehrfacher Hinsicht musikhistorische Schlüssigkeit, wenn sich das Münchener Kammerorchester der Werke dieses großen Münchener Sinfonikers und konstruktiven Ausdrucksmusikers Hartmann annimmt. Aber auch unter umgekehrten Vorzeichen hat man beim Münchener Kammerorchester Lehren aus der Vergangenheit gezogen: Den sezessionistischen Bestrebungen Schönbergs, etwa in Form seines „Vereins für musikalische Privataufführungen“, hat man Konzepte der Integration von musikalischer Vergangenheit und Gegenwart entgegengesetzt – und das offenbar mit großem Erfolg.

In der Orchesterpraxis scheinen es mehr und mehr Ensembles wie das Münchener Kammerorchester zu sein, von welchen die stärksten Impulse für das heutige Musikleben ausgehen. Weder eingebunden in das öffentlich-rechtliche Rundfunkwesen, noch in dem Maße in öffentlichen Haushalten verankert wie die „großen“ Orchester Europas, erweisen sie sich als weitaus lebendiger und risikofreudiger, vermögen sie es in weit höherem Maße, das Publikum mit ungewöhnlichen Programmen zu gewinnen und vor allem: aus den Partituren vergangener Epochen wie auch solchen der Gegenwart interpretatorisch Funken zu schlagen. Das manifestiert sich nicht zuletzt in den zahlreich errungenen Auszeichnungen, etwa den seit 1995 verliehenen drei Förderpreisen der Ernst-von-Siemens-Stiftung, dem Europäischen Kulturpreis im Bereich Musik 1998 und dem Musikpreis 2000 der Stadt München – für die Konzertprogramme des Orchesters, die dem Publikum die „Schwellenangst vor dem Neuen“ nehmen.

Gegründet wurde das Münchener Kammerorchester 1950 von Christoph Stepp, 1956 übernahm es Hans Stadlmair. Seit 1995 ist Christoph Poppen künstlerischer Leiter des Orchesters, das heute jährlich etwa 70 Konzerte gibt, Konzerttourneen in alle Welt unternimmt, regelmäßig bei wichtigen internationalen Festivals auftritt und mit zahlreichen berühmten Dirigenten und Solisten zusammenarbeitet, wie im Falle dieser CD mit der Geigerin Isabelle Faust, dem Klarinettisten Paul Meyer und dem Petersen Streichquartett.

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