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About ECM

Darf Barockmusik so sinnlich klingen? Über dem Instrumentalstück von Giovanni Girolamo Kapsberger erhebt sich eine elegische Sopranmelodie. In einer Passacaglia fahren Flamencorhythmen in die Beine. Und dann sind da auf einmal die typischen Harmonien und Verzierungen der keltischen Volksmusik zu vernehmen. Kann das kurz nach 1600 in Italien wirklich so geklungen haben? Natürlich nicht: Was der norwegische Lautenist und Gitarrist Rolf Lislevand und seine sechs Kollegen auf Ihrem ECM-Debüt Nuove musiche anstellen, trägt programmatischen Charakter. Ihre vitalen, im ursprünglichen Sinne unerhörten Interpretationen frühbarocker Werke aus Italien sollen den Hörer so direkt berühren, als seien sie tatsächlich „neue Musik“.

„Jahrelang hat man versucht, alte Musik möglichst genau so zu spielen, wie es zur Zeit ihrer Entstehung üblich war. Doch das ist ein philosophischer Widerspruch in sich“, sagt Rolf Lislevand, ein freundlicher Zwei-Meter-Mann mit jungenhaften Gesichtszügen, der sich in beinahe jeder europäischen Sprache gleichermaßen eloquent zu artikulieren versteht. „Zunächst stellt sich ja die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Aufführung eines früheren Musikers nachzuspielen. Zum anderen kann Rekonstruktion meiner Ansicht nach gar nicht von Interesse sein. Wollen wir wirklich so tun, als hätten wir nie etwas von der Musik zwischen 1600 und heute gehört? Ich denke, das wäre unredlich. Mit dieser Aufnahme lassen wir das Credo der Authentizität in der Alten Musik ein für alle mal hinter uns.“

Das bedeutet nicht, der musikalischen Willkür eine Gasse zu bahnen. Im Gegenteil: Seit 1993 ist Lislevand, ausgebildet an der berühmten Basler Schola Cantorum, Professor für Laute und historische Aufführungspraxis an der Musikhochschule Trossingen. Er hat zahlreiche preisgekrönte Aufnahmen vorgelegt, einige davon mit seinem „Ensemble Kapsberger“, das den Stamm der Formation von Nuove musiche bildet. Akribisch wertet er alle verfügbaren Informationen zu den Werken und ihrer adäquaten Interpretation aus. Doch das schafft nur die Voraussetzungen einer stimmigen Wiedergabe. Schließlich war ein vitales Element des musikalischen Barock die Improvisation. „Die Stücke wurden jeweils nach den momentanen Bedürfnissen verwendet. Strikt nach Noten zu spielen käme einer Lüge gleich, denn die Partituren waren gleichsam in Kurzschrift abgefasst. Sie setzten eine Menge an Wissen und gestalterischem Selbstvertrauen voraus“, sagt Rolf Lislevand.

Man nehme nur die Schlaginstrumente: Dass sie benutzt wurden, ist erwiesen. Notiert hat man sie hingegen um 1600 noch nicht. Wie sie im Detail Verwendung fanden, ob nur als metrische Impulsgeber, oder auch ihrem klanglichen Eigenwert nach, ist daher kaum zu klären. Lislevand hat da sehr klare Ansichten: „Die Vorstellung, dass wir erst heute frei sind im Umgang mit Gefühlen, ist nicht nur naiv, sondern auch arrogant. Ich persönlich glaube, dass der Mensch des 17. Jahrhunderts ein viel reicherer und bewussterer Mensch war, als wir heute annehmen.“ Nur konsequent also, dass der Perkussionist Pedro Estevan hier eine immense Palette an ausdrucksvollen Klängen und Rhythmen aufbietet.

Lislevand sucht nach Berührungspunkten zwischen den 400 Jahre alten Stücken – sie stammen von Meistern wie Kapsberger, Pellegrini, Piccinini und anderen – und dem musikalischen Horizont des heutigen Interpreten. Den Ausgangspunkt bildet dabei zumeist die Form der Passacaglia. Passacaglien, diese mitunter dramatisch sich steigernden Variationsfolgen über einem unveränderten Bassmodell, bilden den Kernbestand der Lauten- und Gitarrenbücher des 17. Jahrhunderts. „Sie leben von Chromatik, von starken Dissonanzen und rhythmischen Unregelmäßigkeiten. Wenn die Komponisten diese Wirkungen gesucht haben, dann dürfen wir das weiter öffnen. Das Konzept besteht darin, dass ich lediglich entwickle und ausarbeite, was im Material direkt angelegt ist. Arianna Savalls Melodie stammt tatsächlich aus der Kapsberger-Toccata selbst. Alles, was da an Anklängen an zeitgenössische Formen populärer Musik entsteht, ist in den Stücken schon enthalten, ich hole es bloß hervor.“

Im Gegensatz zu Lislevands früheren Aufnahmen wurde Nuove musiche im Mehrspurverfahren unter der Klangregie von Manfred Eicher im Rainbow Studio in Oslo produziert. Jeder Musiker trug einen Kopfhörer. An die Stelle des akustischen Raums, der für unverstärkte Saiteninstrumente manchmal eine Einschränkung bedeutet, trat ein virtueller Raum. „Der Klang, den wir da hörten, wirkte sehr inspirierend“, erinnert sich Lislevand. „Weil er besser kontrollierbar war, konnten wir uns viel mehr Freiheit nehmen, sowohl was die Tempi angeht als auch hinsichtlich der Dynamik und der Klangfarben.“ Vieles entwickelte sich während der Aufnahmesitzungen spontan. „Einmal, als wir eine Toccata gerade durchgespielt hatten, gab Manfred Eicher uns ein Zeichen, wir sollten fortfahren um die Energie beizubehalten. Zuerst waren wir etwas ratlos, schließlich war das Stück ja zu Ende, aber dann stellte einer von uns das rhythmische Muster um und plötzlich spürten wir die Freiheit, ohne feste Vorgabe weiterzuspielen. Das hätten wir uns normalerweise wohl nicht getraut.“

Die endgültige Balance und räumliche Anordnung der Instrumente wurde in der Abmischung erst im Nachhinein von Rolf Lislevand und Manfred Eicher zusammen mit dem Toningenieur Jan Erik Kongshaug entwickelt. Nuove musiche, das bedeutet für Lislevand auch, die Musik in einen neuen kommunikativen Zusammenhang zu stellen. Die Intimität der engen Kammern von einst, wie sie für die Aufführung von Lautenmusik üblich waren, ist unwiederholbar Vergangenheit. Doch das Bedürfnis nach Nähe bleibt: „Uns berührt etwas, das uns nahe kommt, räumlich, physisch. Wenn wir von physischer Intimität sprechen, bedeutet dies, dass das Objekt groß vor uns stehen muss. Das erst löst die Emotionen aus. Diese Nähe schafft der künstliche Raum des Studios. Viel zu lange haben wir dafür gesorgt, dass Barockmusik zu einem distanzierten Ritual verkam, zu einer beinahe symbolischen Handlung. Das wollen wir anders machen!”
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Rolf Lislevand, geboren 1961 in Oslo, studierte an der Staatlichen Musikakademie Norwegens klassische Gitarre und anschließend an der Schola Cantorum Basiliensis bei Hopkinson Smith und Eugène Dubois. In den späten achtziger Jahren wurde er Mitglied in Jordi Savalls Gruppen Hespèrion XX, La Capella Reial de Catalunya und Concert des Nations. Lislevand, dessen Soloaufnahmen mehrere internationale Auszeichnungen erhielten, ist heute Professor für Laute und historische Aufführungspraxis an der Musikhochschule Trossingen.

Die CD enthält ein 28-seitiges Booklet mit einem Essay von Rolf Lislevand in englischer Sprache.

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